Auf vielfachen Wunsch veröffentlichen wir hier aktuelle Predigten aus unseren Gottesdiensten.
70 Tage vor Ostern: Jer 9,22f.
Liebe Gemeinde,
wenn ich Gott wäre, ich würde nur noch tun, was mir gefällt... Dann gnade Ihnen Gott! Ich wäre Musikgenie und der reichste Mensch der Welt – und ich hätte Freude daran, Huldigung entgegenzunehmen. Die Menschheit müsste nicht nur meine Lieder singen, sondern auch nach meiner Pfeife tanzen. Ich würde mich nicht (wie Jahwe) in einem leichten Säuseln zeigen, sondern ich offenbarte mich im Sturm, vor allem im Sturm von Werder Bremen, die haben es nötig. Ich wäre Fußballgott und allwissender Experte zugleich.
Gott macht es ja nicht anders. Er spricht durch Jeremia, den Propheten, und sagt, dass er durchaus tut, was ihm gefällt. Und unser Glück ist eben, dass nicht ich oder ein anderer von uns Gott ist – sondern dass wir einen guten Gott haben. Und das, was er tut, das sind Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.
Bedenken Sie: Gott wäre im Recht, es so oder so zu tun – alles wie er will. Alles gehört ihm, er hat alles in der Hand. Aber Gott entscheidet sich dafür, Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit zu üben. Das ist das, was seinem Wesen entspricht. Das ist seine Lust. Ist es nicht großartig, das wir so einen Gott haben?
Hören wir, was er durch Jeremia sagt:
22 So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.
Liebe Schwestern und Brüder,
Weisheit, Stärke und Reichtum, das sind bewährte Wege, um sich von anderen Menschen abzuheben. Mancher hebt so sehr ab, dass er jede Bodenhaftung verliert.
Man kann versuchen, weise zu werden, so weise wie es geht – klüger und gebildeter als andere. Dann geht man ganz distinguiert zu Symposien, die aus Steuergeldern finanziert werden, schwenkt ein Rotweinglas und fachsimpelt über postmodernen Dekonstruktivismus. Man zitiert Schopenhauer. Und die jungen Studentinnen hängen einem an den Lippen. (auch Stephen Hawking war zweimal verheiratet!). Natürlich gibt es diese Erscheinung nicht nur in der Akademie. Es ist vielleicht etwas provinzieller hier, aber das einer damit angibt, was er alles weiß, den anderen nicht zuhören kann, sondern immer noch eins draufsetzen muss, um zu zeigen, was er für ein toller Kerl ist. Das kennt man doch.
Wem das viele Studieren zu mühsam ist, der könnte sich auch darauf verlegen, reich zu werden. Nicht nur Intelligenz macht sexy, sondern auch ein Porsche oder ein Motorboot. Das Hamstern lohnt sich – denken nicht nur viele, von denen da oben, sondern in unserer Umgebung. Mit Krokodilstränen beklagt man, wie neidisch doch in den letzten 20 Jahren alle geworden seien – und man weiß doch: Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen. „Neid ist die höchste Form der Anerkennung.“ – übrigens, das war jetzt Schopenhauer.
Wer auch als armer Mensch (als Underdog) oder durchschnittlich begabter Mensch zu etwas Ruhm kommen will, der bräuchte ein Löwenherz. Der müsste stark sein. Dann kann er ein Held werden. So wie im Film oft die zu Helden werden, bei denen vorher ganz viel schief lief. Man kann sich so eine Ausstrahlung und Kraft zulegen, sich aufhübschen. Und wenn es nur im Finsterberger Kraftsportklub ist. Das macht auch attraktiv und bringt ein gewisses Maß an Bewunderung.
Wenn ich es mir so überlege, da sind wir genau bei den Dingen, die mich daran reizen würden, Gott zu sein. Reichtum, Wissen und Heldentum vielleicht sind es die drei Wege schlechthin, die jeder Mensch in sich trägt, die jeder irgendwie versucht, um mehr zu sein als ein normales kleines Menschlein.
Die Reichen, die Helden und die Schlauen stehen in der Gefahr sich für Götter zu halten. Und die Massen von Menschen stehen in der Gefahr, das zu glauben! Und wer glaubt schon, dass es das alles gar nicht ist, dass auch der Reiche sich kein Glück kaufen kann oder der Professor abends heimlich trinkt, oder der Held spürt, wie seine Zeit wieder geht. Das glauben wenige, denn heutzutage lautet ja die Losung: Ich glaube, was ich sehe. Und was ich da sehe gefällt mir. Ich sehe die Fassade dieser Lebenshäuser, und die wünsche ich mir auch! Nicht unbedingt das große Glück, aber ein bisschen besser, das würde mir schon gefallen.
Bei einem Hamster würden es viele niedlich finden, wenn er durch die Gitterstäbe seines Hamsterrades auf ein aufgemaltes Ziel zu rennt. Er glaubt an das Ziel, denn er sieht es ja. Darum ist das Hamsterrad aus Gitterstäben, da kann man auf ein Ziel schauen, ohne je voran zu kommen. Bei einem Menschen ist es nicht niedlich, wenn er sich so verhält. Es ist traurig. Im Internet las ich jetzt einen Testbericht. Jemand hatte mit 50 Hamstern, verschiedene Räder getestet. Erkenntnis des Tages: Hamster brauchen glatte Laufflächen. Sonst verletzen sie sich. Ich habe mir gedacht: Vielleicht bauen Menschen deshalb so viele falsche Hamsterräder, weil sie unbewusste Abbilder ihres eigenen Lebens schaffen. Dass man auch im Hamsterrad auf der Strecke bleiben kann, gehört ja leider zum Alltag.
Reichtum, Heldentum und Bildung, dass Menschen auf diese Wege fixiert sind, deutet auf ein tiefes Problem hin. Es ist Suche nach Liebe und Suche nach Sinn. Man fühlt sich irgendwie unvollständig. Aber, liebe Gemeinde, nicht einmal Gott ist alleine für sich vollständig. Sondern er sehnt sich nach einem Gegenüber. Nicht einmal Gott reicht es, einfach Gott zu sein.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Wege aus eigener Kraft über die menschliche Beschränkung hinauszukommen, alle irgendwo in eine Sackgasse führen. Spätestens mit dem Tod, den kein noch so reicher oder schlauer je überwunden hätte.
Durch Jeremia nennt Gott einen anderen Weg. Und das ist nun zugleich der Weg zum Leben. Wer das Leben finden will, der soll inne werden, dass er aus Gott kommt und zu Gott geht. Das ist klug.
Jesus zeigt uns, was Gott unter Barmherzigkeit versteht und unter Recht und unter Gerechtigkeit. Jesus kleidet Gott in das Bild des Weinbergbesitzers, der noch am Spätnachmittag Arbeiter anwirbt. Nicht weil er sie dringend braucht, sondern weil sie Arbeit brauchen. Sie haben wenig zu bringen, und können doch empfangen. Das ist Barmherzigkeit. Auch der letzte von den Arbeitern im Weinberg bekommt noch seinen Tageslohn. Weil dieser Lohn das ist, was er zum Leben braucht. Göttliche Gerechtigkeit heißt nicht nur, was ein Mensch leistet, zählt, sondern zuerst, was er braucht.
Jesus selbst lebt so: Er sucht nicht Anerkennung, redet niemand nach dem Mund. Manche Wunder tut er im Geheimen, weil er sich nicht produzieren will. Er gibt sich ganz hin an seine Mission, die er auf der Erde zu erfüllen hat. Sogar sein Leben gibt er dran. Nicht dass Jesus reich und stark und klug war, macht ihn zu unserem Erlöser. Sondern dass er alles aufgegeben hat.
Dass die Weisen und die Starken und die Reichen sich nicht der Weisheit, und der Kraft und des Reichtums rühmen sollen – das heißt nicht, dass Gott etwas gegen Weise und Starke und Reiche hätte. Im Gegenteil, er liebt sie, und sie sind ihm zu Dank verpflichtet.
Reichtum ist doch nur selten verdient, Intelligenz verdankt man nicht sich selbst; und um ein Held zu werden, braucht man Leute, die die Geschichte weitererzählen. Wie viele Helden gibt es, die keiner kennt, weil niemand ihre Geschichten erzählt: Pflegekräfte und Polizisten beispielsweise. Wer berühmt ist, denkt, er hätte es bis zu den Sternen geschafft, aber war es wirklich eigener Verdienst?
Hast du ein mutiges Herz, einen klugen Kopf oder vielleicht bloß eine dicke Börse? Oder von allem etwas? Dann denke dennoch nicht, dass du dein eigener Herr sein darfst. Ein Christ zu sein, bedeutet, seine Gaben einzusetzen, so wie Jesus es getan hat. Denn Sinn findest du nicht, wenn du bei dir bleibst, sondern wenn du dich einsetzt.
Denn die Stärke ist dir nicht gegeben um dich ihrer zu rühmen. Deine Stärke hast du, um dich für das Recht einzusetzen. Dein Reichtum ist nicht dazu da, dir Bewunderer zu schaffen, sondern um Gerechtigkeit herzustellen. Und deine Weisheit wäre dann überflüssig, wenn du nicht in der Lage wärst, barmherzig auf andere Menschen zu schauen. So wie Jesus nicht sein Wissen eingesetzt hat, um andere klein zu machen, sondern um die kleinen Menschen zu erhöhen. Barmherzigkeit und Recht und Gerechtigkeit – die gefallen Gott.
So hast du deine Gaben um aus Gott und für Gott zu leben. Und dessen darfst du dich rühmen. Jede andere Angeberei ist aus der Perspektive Gottes Unfug.
Es gibt diese Witze, wo Kinder sich darum streiten, wer den stärksten Vater hat.
"Mein Vater ist Architekt, der hat die Alpen gebaut."
„Na und? Mein Vater sitzt im Knast, der hat das Tote Meer umgebracht."
So eine Prahlerei hat nur Sinn, wenn sie unterschiedliche Eltern haben. Sonst stirbt dieser Witz. Wenn sie sich rühmen wollen, stellen sie sich die Frage: Sind wir alle Gottes Kinder oder nicht? Verdanken wir nicht alle alles nur dem einen?
Liebe Gemeinde,
sich nicht mehr zu rühmen, dass mag ihnen schon wieder wie so ein Verbot erscheinen. Aber wenn sie in die kommende Woche gehen, dann achten sie darauf, dass es vor allem Freiheit bedeutet. Wo du dein Leben aus Gottes Hand nimmst, musst du dich nicht mehr produzieren. Gott beginnt die Leerstelle in deinem Leben auszufüllen. Du merkst, dass du abhängig bist von ihm – aber du wirst unabhängig von dem, was dir schadet, was dich überfordert, und dein Leben in die Sackgasse bringt.
Manche Christen leben ihren Glauben sehr getrennt von ihrem Alltag. Unter der Woche laufen sie im Hamsterrad der Erwartungen, ihrer eigenen der von Kollegen und Vorgesetzten. Vielleicht dreht sich sogar das Hamsterrad so schnell, dass Geld für die Kirche abfällt. Oder Sonntags bleibt das Hamsterrad mal stehen und man geht in die Kirche. Montags steigt aber man wieder ein. Ich glaube: Du kannst als ein Jünger von Jesus Christus im Alltag so leben, dass dir immer die Kraft zufließt, die du brauchst. Denn Gott möchte dein Leben so verändern, dass es sinnvoll ist; nichts, was sich im Kreis dreht, sondern ein Weg mit sinnvollen Begegnungen und Aufgaben und einem guten Ziel am Ende.
Darum gebe ich den Wunsch auf, mein eigener Herr sein zu wollen. Ich sage nein zu dem Gedanken, selbst Gott sein zu wollen. Und wenn sich der Gedanke einschleicht, sage ich wieder nein. Wenn nötig jeden Morgen. Und ich entscheide mich und folge Jesus Christus.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
<Amen>